Deutsch | English

 

:: Home | :: Statement | :: Projekte | :: Essays | :: Ausstellungsansichten | :: Research und Vorträge | :: Presse | :: Credits | :: Kontakt

 

 

 

 

 

 

 

:: Archer Courts

 

 

:: Social Housing in Mulhouse

 

 

:: Tierra Nueva Farm Labor Housing

 

 

:: Elemental Iquique

 

 

:: Moriyama House

 

 

:: Shinonome Canal Court, Block 1

 

 

:: Wohnüberbauung Balance Uster

 

 

:: POS - Social Housing

 

 

:: Eine Häuserzeile - 17 Reihenhäuser

 

 

:: Sargfabrik

 

 

:: Miss Sargfabrik

 

 

:: ten in one - Anklamer Straße 52

Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihre Bewohnerin oder Ihren Bewohner

„Architecture of good intentions“, also eine „Architektur der guten Absichten“, war das sarkastische Fazit, mit dem der Architekturtheoretiker Colin Rowe die Avantgarde des 20. Jahrhunderts abkanzelte – denn „gute Absichten“ alleine sind bei weitem noch keine Garantie, dass wirklich gute Architektur entsteht.

 

 

Rowes Urteil war überspitzt und mit Lust an der Provokation formuliert. Natürlich sind auch in der von Rowe am tiefsten verachteten Periode der Architektur, dem Bauen ab 1945, etliche hervorragende Gebäude entstanden. Aber ganz aus der Luft gegriffen war sie nicht, die harsche Kritik an den „guten Absichten“.

 

 

Colin Rowes Skepsis gegenüber dem, was an Architekturexperimenten den Bewohnerinnen und Bewohnern von Bauten und Städten zugemutet wurde, entstand in den 1960er-Jahren. Kriegszerstörung und Wirtschaftswachstum beflügelten Architekturschaffende, Planende und Politikerinnen und Politiker fast überall auf dem Globus dazu, historisch gewachsene Stadtund Siedlungsformen wegzufegen und durch eine am Reißbrett entworfene neue Lebenswelt zu ersetzen. Ein Erfolgsmodell war das in den meisten Fällen nicht.

 

Mittlerweile ist man, von den Boomregionen Asiens einmal abgesehen, weitaus vorsichtiger.

 

Bedeutet das aber, auf Experimente in der Architektur zu verzichten?

 

Die guten Absichten allein, und an diesem Punkt setzt die Fragestellung des Projektes und der Ausstellung Wohnmodelle an, können es nicht sein. Ob Experimente im Bereich der Architektur wirklich zum Erfolg führen, entscheidet der Alltag, der dann beginnt, wenn die ersten Bewohnerinnen und Bewohner eingezogen sind. Eine banale Feststellung. Doch es ist schwer, sichdavon ein Bild zu machen, wie die Bauten wirklich angenommen werden.

 

Die Alltagstauglichkeit beurteilen zu können und zu sehen, was aus den hehren Absichten geworden ist, stößt auf einige Schwierigkeiten. Denn nahezu alles, was wir über neu gebaute Architektur wissen können, sofern nicht die Möglichkeit besteht, sich selbst vor Ort einen Eindruck zu verschaffen, ist auf eine Weise zurechtfrisiert, dass der Begriff „Propaganda“ eine Verharmlosung wäre. Wer Bücher, Zeitschriften, das Internet oder Ausstellungen heranzieht, um sich über das aktuelle Baugeschehen zu informieren, der stößt auf eine Welt der makellosen Menschenleere. Auf 99 Prozent der auf allen Kanälen zirkulierenden Architekturfotos sind die Bauten kurz nach der Fertigstellung und unmittelbar vor der Inbesitznahme durch Benutzerinnen und Benutzer abgebildet. Die Begleittexte handeln, wenn es sie denn gibt, von tausend Detailfragen, die höchstens für andere Architektinnen und Architekten von Belang sind, nie jedoch von der einfachen Frage, ob die Leute sich wohl fühlen in dem neuen Haus, am neuen Arbeitsplatz, wie sie ihre Umgebung umgestalten und viel Vorgeplantes über den Haufen werfen.

 

Kein Wunder, dass diese Anbetung des reinen, von allen Spuren menschlichen Lebens gereinigten Baukörpers fast durchgängig nur in abgeschlossenen Architektenkreisen stattfindet oder feudal in Zeitgeistmagazinen über inszenierte Bildstrecken abgehandelt wird. Der zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts ausgebrochene Anspruch, als „Mutter aller Künste“ die Welt aus den Angeln zu heben, sich gar zum „Weltenbaumeister“ aufzuschwingen, ist einem feinschmeckerischen Zungenschnalzen beim Anblick seidenglatter Betonfassaden oder computererzeugter Formwucherungen gewichen. Die meisten Architektinnen und Architekten, so scheint es, haben sich in eine „splendid isolation“ hinein manövriert.

 

Ja, es ist immer noch zeitgemäß, nach Architekturexperimenten zu fragen. Aber lieber nicht die Architektinnen und Architekten. Das war für die Ausstellung Wohnmodelleder Ausgangspunkt. Dass wir im Zuge der Recherche dann doch Projekte ausgewählt haben, bei denen weniger der skulpturale Wert des makellosen Gebäudes oder dessen Expressivität, sondern vielmehr das soziale „Programm“ zählt, ist ein hoffnungsvolles Zeichen.

 

Man hätte eine Ausstellung, die Architekturexperimente auf ihre Alltagstauglichkeit hin überprüft, auch mit Beispielen von Bürogebäuden oder Fabriken oder Bushaltestellen machen können. Das Wohnen jedoch ist der Bereich, in welchem die höchsten Beharrungskräfte wirken. Gleichzeitig können wir uns beim Thema Wohnbauten sicher sein, dass wirklich jede Besucherin und jeder Besucher ein Experte ist. Hier lassen sich am wenigsten gute Absichten vorschieben und die Ausstellung kann am ehesten ihrem Anspruch gerecht werden, ein nicht ausschließlich architekturaffines Publikum zu erreichen, das die Wohnmodelle vor dem Hintergrund eigener Wohnerfahrungen als Diskussionsstoff aufgreift.

 

So sicher die Entscheidung gefällt wurde, den Wohnbau als Experimentierfeld zu untersuchen, so letztlich offen und in höchstem Maße ausschnitthaft ist die schlussendlich vorgenommene Auswahl, welche Wohnbauten einer näheren Betrachtung unterzogen wurden. Diese Auswahl entstand im Rahmen eines Symposiums, das im September 2007 im Künstlerhaus Wien stattfand. Architekturkritikerinnen undkritiker aus verschiedenen Ländern und Kontinenten stellten internationale Beispiele aus dem Wohnbau vor, die in architektonischer oder sozialer Hinsicht Experimente wagen. Aus den 60 diskutierten Projekten wurden elf Beispiele ausgewählt, die Experiment und Modellhaftigkeit in der Praxis miteinander verbinden. Eine weitere Bedingung: Jeder der ausgewählten Bauten musste mindestens zwei Jahre bewohnt worden sein, um Spuren des Benutzens und Aneignungen erkennen zu können.

 

Die schlussendlich vorgenommene Auswahl mag auf den ersten Blick geradezu beliebig erscheinen: Was verbindet die chilenische Siedlung in einem Armenviertel in Iquique mit einem niederländischen Low-cost Reihenhaus in Roosendaal und wie hängt das mit einem japanischen Wohnprojekt in Tokio zusammen, bei dem die Bewohnerinnen und Bewohner sich freiwillig entschieden haben, in weißen Stahlwürfeln zu wohnen, die sie zu verlassen gezwungen sind, wenn sie zur Toilette gehen möchten?

 

Unsere Antwort auf diese Frage ist die Lust am Fragezeichen: Jedes dieser Wohnmodelle formuliert durch seine Architektur Absichten, die mehr oder weniger konträr zu dem stehen, was man beim Thema Wohnen gewohnt ist. Jedes der Projekte macht neugierig, genauer hinzusehen, in allen steckt eine Absicht, die wir näher beleuchten wollten. Die Themen kreisen um bekannte Argumente wie privater Freiraum versus Öffentlichkeit und natürlich budgetäre Aspekte oder Revitalisierung contra Neubau. Oft scheinen formale Aspekte, wie zum Beispiel die Positionierung der Servicezonen beim klassischen Geschosswohnbau Shinonome Canal Court in Tokio, auf den ersten Blick zu dominieren. Aber schließlich stellen sich diese flexiblen Pufferzonen als höchst intensiv genutzt dar.

 

Gleichzeitig wird bei keinem der Wohnmodelle etwas radikal Neues gewagt, jedenfalls nicht, wenn man dafür die Architekturgeschichte als Maßstab nimmt. Trotzdem ist die chilenische Elemental-Siedlung eine angemessene Lösung, denn noch nie wurde dort in einem ausgewogenen Verhältnis von sozialem Engagement und entsprechenden Selbstbaukonzepten gebaut. Und natürlich ist die Schweizer Siedlung in Uster nicht „revolutionär“, sondern hat zahlreiche Vorläufer. Aber in der Schweiz ist sie dennoch ein kosteneffektiver und energieoptimierter Lösungsansatz, in dem zugleich die selben Fragen stecken wie bei dem Elemental-Projekt in Chile: Bewährt sich eine „Regalstruktur“, bei der die Bewohnerinnen und Bewohner ihres „Abschnitts“ größtmögliche Freiheiten haben, und spielt es eine Rolle, ob sie selbst einen Beitrag zum Ausbau ihres Bereichs einbringen MÜSSEN (aus Kostengründen in Chile) oder WOLLEN (in der Schweiz)? Wie funktionieren „Baugemeinschaften“, also der freiwillige Zusammenschluss von Wohnungssuchenden zwecks Errichtung eines Wohngebäudes? Das pragmatische Baugruppenprojekt „ten in one“ in Berlin überzeugt durch die außerordentlich kurze Projektentwicklungsund Realisierungszeit von zwei Jahren. In Wien benötigte das zwar 75 Wohneinheiten umfassende idealistische Projekt der „Sargfabrik“ ganze zwölf Jahre, um von der ersten Idee zur quasi selbstverwalteten Wohnform zu gelangen. Die jüngere Schwester „Miss Sargfabrik“ verlangte den Planerinnen und Planern lediglich zirka drei Jahre ab.

 

Auffällig gestalten sich die individuellen Aneignungsprozesse der Bewohnerinnen und Bewohner. Mehrmals wird beobachtet, dass sich das Identifikationspotenzial zur eigenen Wohnumgebung durch teilweise geplante Selbstbaumaßnahmen wesentlich erhöhen lässt. Dies gilt es geschickt zu unterstützen, auch dann, wenn die Wohnformen von den Idealtypen, wie sie in den Köpfen der Planenden herrschen, abweichen. Funktionierende Raumstrukturen erhalten ihre Qualität auch wenn, wie bei dem Projekt POS, Krapinske Toplice in Kroatien, nachträgliche Eingriffe an der Grundstruktur vorgenommen werden.

 

Die Reihenhäuser Tierra Nueva Farm Labor Housing in Alamosa, Colorado entspringen dem Netz der Einfamilienhäuser und zeigen eine alternative Wohnform außerhalb des Wohnwagens für Saisonarbeiterinnen undarbeiter auf. Hier dominiert strenge Funktionalität und Ordnung in Kombination mit einem Sozialprogramm. Dementsprechend funktioniert das 1992 in den USA verabschiedete Programm Hope VI zur Bereinigung urbaner Brennpunkte durch Abriss und Neubau. Eine Ausnahme dazu stellt das Projekt Archer Courts in Chicago dar, wo es gelungen ist, die aus der Nachkriegszeit stammenden Gebäude in Stand zu setzen und somit vor dem Abriss zu bewahren.

 

Die Beispiele zeigen, dass eine einmalige Ambition oder Idee nicht ausreicht, um Modellhaftes am Leben zu erhalten. Ständiges Pflegen, Weiterentwickeln und Entstauben sind Grundparameter von gelebten Experimenten. Im Idealfall springt die Dynamik auf die Nutzerinnen und Nutzer über. Der Alltag verlangt aber nach kontinuierlicher Moderation im Sinne von koordinierten Initiativen, die zur Aufrechterhaltung der Modellhaftigkeit wesentlich beitragen.

 

Und eines ist signifikant aufgefallen, die regional differenzierten Wohnformen gleichen sich zunehmend an, so steht beispielsweise im Projekt Shinonome Canal Court, Block I in Tokio neben den Tatamis das klassische Wohnzimmersitzmöbel. Eine lokale Differenzierung erfolgt lediglich über kulturspezifische Wohnungsaccessoires.

 

Die Debatte unter den Symposiumsteilnehmerinnen undteilnehmern, die schließlich in die Ausstellung mündete, fand, natürlich, anhand genau jener Dokumente statt, die in dem Diskurs keine allzu große Rolle spielen sollten: An der Wand hingen die üblichen Architekturfotos, Baubeschreibungen, Grundrisse und Schnitte.

 

Auf dem Tisch stand aber bereits das erste Wohnmodell, ein eigens angefertigter Nachbau der Wiener Miss Sargfabrik, anhand dessen die Frage diskutiert wurde, wie Modelle beschaffen sein müssen, die nicht in erster Linie ein Architektenfetisch sind, sondern Auskunft über die Benutzbarkeit von Haus und Wohnung geben. In der Ausstellung werden alle Projekte durch großmaßstäbliche Modelle repräsentiert, die teilweise begehbar sind und in Originalgröße aus Karton nachgebaut wurden.

 

Gezeigt wurde auf dem Symposion auch eine Fotoserie der Wiener Fotografin Hertha Hurnaus, die sich ebenfalls mit der Sargfabrik beschäftigt. Die Bilder entstanden für eine Ausgabe der spanischen Zeitschrift 2G und begleiteten dort eine Interviewserie von Ilka und Andreas Ruby, die einen der seltenen Versuche unternommen haben, ein Gebäude Jahre nach Fertigstellung auf seine Alltagstauglichkeit zu überprüfen.

 

Bei der Realisierung der Ausstellung Wohnmodellehingegen wurde die Perspektive noch subjektiver gewählt: Die Bilddokumentation stammt von den Bewohnerinnen und Bewohnern selbst, die von jeweils ortsansässigen „Korrespondentinnen“ und „Korrespondenten“ dazu angestiftet wurden, ihre Wohnumgebung abzubilden. Von diesen stammen auch die Texte des vorliegenden Buches, ergänzt um zwei Essays, die sich zum einen mit den Kapitalinteressen am Wohnungsmarkt, zum anderen mit der Frage der ressourcenschonenden Erneuerung von „Experimenten“ der Nachkriegszeit beschäftigen. Für einige Autorinnen und Autoren, die vor wenigen Jahren bereits über ein gerade fertig gestelltes Gebäude geschrieben haben, ist die Wiederbegegnung ein aufschlussreicher Abgleich mit früheren Erwartungen geworden. Die Texte der letztjährigen Symposiumsteilnehmerinnen undteilnehmer geben außerdem Aufschluss über den Kontext des Wohnbaus in den Regionen, aus denen die ausgewählten Projekte stammen.

 

Ergänzt werden die elf Prüfstände, an denen die Wohnarchitektur einem Alltagscheck unterzogen wird, durch weitere Exponate. Diese erzählen vom schwierigen Prozess, eine modellhafte Lösung in der Architektur zu erzielen: sei es beim Selbstversuch am Basteltisch oder anhand von 800 Modellen, die im Grundkurs der Abteilung Gestaltungslehre und Entwerfen an der Technischen Universität Wien entstanden sind. Oder sie treiben den Wohnalltag auf die Spitze und stellen, als Gegenpart zu den architektonischen Experimenten, den alleralltäglichsten Alltag in Gestalt eines österreichischen Durchschnittswohnzimmers vor, das sich eine Werbeagentur aufbauen ließ und das in der Wohnmodelle Ausstellung nun zum ersten Mal der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird. Der Gestaltungswille trifft auf den gelebten Alltag.

 

Oliver Elser und Michael Rieper

 

 

© MVD Austria | 2017/05/01 | login

MVD Austria | Mariahilferstrasse 93/2/24 | 1060 Wien | mvd[at]mvd.org | fon +43 1 969 1900 | fax +43 1 969 1900 99 | http://www.mvd.org